Was passiert, wenn ein pflegender Angehöriger plötzlich ausfällt? Das Pilotprojekt Pflegenotruf Bayreuth/Kulmbach soll künftig Versorgungslücken schließen und pflegebedürftigen Menschen auch in solchen Notfällen Sicherheit geben. Beim Kick-off kamen Rettungswesen, Pflege und Beratung erstmals zusammen, um gemeinsam neue Wege für eine verlässliche Versorgung zu entwickeln.
Rund sieben Millionen Menschen in Deutschland pflegen nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit Angehörige oder nahestehende Personen. Damit tragen sie den größten Teil der pflegerischen Versorgung in Deutschland. AOK-Direktorin Melanie Heinlein – Lodes bringt es mit den Worten des Bundesverbandes der AOK auf den Punkt: „Pflegende Angehörige sind Deutschlands größter Pflegedienst.“
Doch was geschieht, wenn genau diese Menschen plötzlich selbst zum Notfall werden? Fällt ein pflegender Angehöriger unerwartet durch eine Erkrankung oder einen Unfall aus, bleibt die pflegebedürftige Person häufig ohne Versorgung zurück – insbesondere nachts, an Wochenenden oder Feiertagen. Genau hier setzt das Pilotprojekt Pflegenotruf Bayreuth/Kulmbach an, das der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) Bayreuth/Kulmbach gemeinsam mit den Gesundheitsregionplus der Stadt und des Landkreises Bayreuth und ihr Pendant in Kulmbach, der AOK sowie dem BRK-Kreisverband Bayreuth auf den Weg bringen möchte.
Im Rahmen einer Kick-off-Veranstaltung kamen erstmals ambulante Pflegedienste sowie Senioren- und Pflegeberatungsstellen aus den Landkreisen Bayreuth und Kulmbach sowie der Stadt Bayreuth zusammen, um das Konzept kennenzulernen und gemeinsam über dessen Umsetzung zu beraten.
Hilfe, wenn plötzlich niemand mehr da ist
Während sich ein geplanter Ausfall eines pflegenden Angehörigen meist organisieren lässt, stellt ein akuter medizinischer Notfall alle Beteiligten vor große Herausforderungen. Muss die pflegende Person beispielsweise mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden, bleibt die pflegebedürftige Person oftmals allein zurück. Bislang mussten Einsatzkräfte des Rettungsdienstes oder Mitarbeitende von Pflegediensten in solchen Situationen kurzfristig individuelle Lösungen finden. Das Pilotprojekt soll hierfür künftig einen klaren und verlässlichen Ablauf schaffen. Vorgesehen ist, dass die Integrierte Leitstelle (ILS) Bayreuth/Kulmbach im Bedarfsfall die Koordination übernimmt und einen ambulanten Pflegedienst verständigt, der die notwendige Erstversorgung sicherstellt. Ziel ist es, die pflegebedürftige Person möglichst im vertrauten häuslichen Umfeld ambulant oder als eingestreute Kurzzeitpflege in stationären Senioreneinrichtungen zu versorgen und gleichzeitig unnötige Krankenhausaufnahmen sowie vermeidbare Einsätze des Rettungsdienstes zu verhindern.
Möglich wird dies auch durch die konsequente Weiterentwicklung der bisherigen Meldekopffunktion – der zentralen Schnittstelle für den Informationsaustausch zwischen Integrierter Leitstelle und Kreisverwaltungsbehörden für die Kreisverwaltungsbehörden – auf Grundlage des Leitstellengesetzes.
Signal für die Gesundheitsversorgung
Für Harald Burkhardt vom ZRF Bayreuth/Kulmbach, besitzt das Vorhaben Modellcharakter: „Das Pilotprojekt ist eine neue Aufgabe für den ZRF und die ILS. Es ist ein wichtiges Projekt, das im Nachgang eventuell auch andernorts etabliert werden wird.“
Auch Markus Ruckdeschel, Kreisgeschäftsführer des BRK-Kreisverbandes Bayreuth, sieht darin einen wichtigen Schritt für die Gesundheitsversorgung: „Im Gesundheitswesen müssen wir sektorenübergreifend denken und senden mit dem Pilotprojekt ein Signal nach ganz Bayern aus. Wir tun etwas für die Versorgungssicherheit der Bevölkerung und schafft keine neuen zusätzlichen Strukturen.“ Mit dem Pflegenotruf werde „ein weiteres Sicherheitsnetz für die pflegebedürftige Bevölkerung aus dem Bestand eingezogen und ein bisher unstrukturiert gewachsenes System sinnvoll organisiert.“
Unterstützung erhält das Projekt auch vom Klinikum Bayreuth. Klinikdirektor Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner bezeichnete den Pflegenotruf als „ambitioniertes Projekt“ und zeigte sich überzeugt, dass es zu einer spürbaren Entlastung der Krankenhäuser beitragen könne und diese um unnötige Hospitalisierungen entlastet. Das Klinikum werde seinen Beitrag zum Gelingen leisten, so Heppner.
Gute Voraussetzungen für den Start
Das Pilotprojekt wird in erheblichen Umfang aus Mitteln des Freistaats Bayern (Gute Pflege Bayern) gefördert. Mit der Kick-off-Veranstaltung wurde nun der Grundstein für die weitere Ausgestaltung gelegt. Der hierfür notwendige Förderbescheid liegt bereits vor und der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung fasste bereits im Dezember 2025 den grundlegenden Beschluss zur Aufgabenübertragung an die ILS Bayreuth/Kulmbach.
Das Fazit der Initiatoren fiel durchweg positiv aus. Die große Resonanz und die konstruktiven Gespräche mit den Vertreterinnen und Vertretern der ambulanten Pflege sowie der Beratungsstellen zeigen, dass das Vorhaben auf breite Unterstützung stößt. Sie sind überzeugt, engagierte Mitstreiter gefunden zu haben, um den Pflegenotruf Bayreuth/Kulmbach gemeinsam auf den Weg zu bringen und damit die Versorgungssicherheit für pflegebedürftige Menschen in der Region nachhaltig zu stärken.












